Gastbeitrag vor den Ostertagen von P. Anselm Grün OSB

Die vier Tage zwischen Gründonnerstag und Ostern bilden den Mittelpunkt des Kirchenjahres. C.G. Jung, der Schweizer Psychologe, bezeichnet das Kirchenjahr als ein therapeutisches System. Es stellt an jedem Fest archetypische Bilder dar, die unserer Seele gut tun und die uns zu unserem wahren und ursprünglichen Selbst führen. So möchte ich die heilsamen Bilder dieser heiligen Tage kurz betrachten.

Am GRÜNDONNERSTAG ist es einmal das Bild der bedingungslosen Annahme. Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße. Er nimmt sie an der Stelle an, an der sie sich immer wieder schmutzig machen und an der sie verwundbar sind, wie das Bild der Achillesferse zeigt. So sollen wir vertrauen, dass wir von Gott bedingungslos angenommen sind. Zum andern ringt Jesus am Ölberg um die richtige Entscheidung. Er spürt, dass es auf seinen gewaltsamen Tod zugeht. Er könnte auch fliehen und sich in Sicherheit bringen. Doch er spürt, dass er die Verantwortung für seine Botschaft, die er verkündet hat, aber auch für seine Jünger übernehmen möchte. Er möchte zu seiner Botschaft stehen, auch wenn es ihm das Leben kostet. Und er spürt, wenn er sich auf das Leiden einlässt, ist das die Vollendung der Liebe, die er verkündet und vorgelebt hat. Er sagt sich selbst: „Es gibt keine größere Liebe als wenn jemand sein Leben hingibt für seine Freunde.“ (Joh 15,13) Das ist auch eine Herausforderung für uns, zu unseren Überzeugungen zu stehen, auch wenn wir angefeindet werden. Es ist letztlich Liebe zu den Menschen, wenn wir dem folgen, das unsere innere Stimme – oder die Stimme Gottes in uns – uns sagt.

Am KARFREITAG steht das Kreuz im Mittelpunkt Ich möchte nur zwei heilsame Bilder herausgreifen. Im Kreuz wird das Leid der Welt sichtbar. Der politische Theologe Johann Baptist Metz meint einmal, die „memoria passionis“, das Gedächtnis des Leidens sei für unsere Gesellschaft heilsam, denn es werde die immer leidunempfindlicher werdende Gesellschaft wieder öffnen, sich dem Leid zu stellen. Das andere Bild: Das Kreuz wird am Karfreitag als Siegeszeichen verehrt. Für das Johannesevangelium wird Jesus am Kreuz erhöht und verherrlicht, weil die Liebe über den Hass siegt. So ist das Kreuz auf dem Hintergrund der Auferstehung ein Bild dafür, dass es nichts gibt, was von Gottes Liebe nicht verwandelt werden kann. Es gibt keine Dunkelheit, die nicht vom Licht erleuchtet werden, keine Erstarrung, die nicht aufgebrochen werden kann, kein Scheitern, in dem nicht schon ein Neuanfang verborgen liegt. So kann das Kreuz gerade dem Unternehmer und dem Politiker die Hoffnung vermitteln, dass all die oft als hoffnungslos erscheinenden Situationen in Politik und Wirtschaft verwandelt werden können. Wenn schon das Kreuz in Auferstehung verwandelt wird, dann dürfen wir darauf hoffen, dass auch die oft festgefahrenen Konflikte gelöst werden.

Der KARSAMSTAG ist ein Tag der Ruhe. Jesus ist in das Reich des Todes hinabgestiegen, damit wir uns die Zeit nehmen, in der Stille hinabzusteigen in das, was C.G. Jung den Schatten nennt. Dort sind all die verdrängten Impulse, die unterdrückten Emotionen hinabgedrängt worden. Doch vom Schatten aus wirken sie sich destruktiv aus auf uns selbst. Und es gilt auch für die Gesellschaft: Das was nicht wahrgenommen wird, wirkt aus dem Schatten heraus oft genug zerstörend und zersetzend in die Gesellschaft hinein. Es gilt, mit Christus hinabzusteigen in das Schattenreich unserer Seele. Wir brauchen vor nichts Angst zu haben. Denn alles wird von seinem Licht erleuchtet.

An OSTERN feiern wir die Auferstehung Jesu. Da möchte ich zwei heilsame Bilder nennen: Einmal, dass wir hier nicht alles vollenden müssen. Wir erwarten unsere eigene Auferstehung. Das ist keine Flucht vor dem Leben, sondern befähigt uns, uns gelassen und voller Hoffnung und ohne Verkrampfung den Problemen dieser Welt zu stellen und sie zu lösen versuchen. Das andere Bild: Wir feiern hier und jetzt schon Auferstehung. Wir stehen auf aus dem Grab unserer Angst, unserer Resignation. Und wir stehen auf aus der bequemen Rolle des Zuschauers. Wir stehen zum Leben auf, zur Verantwortung, zum Tun. Wir wagen den Aufstand gegen alles, was das Leben behindert. Und wir lassen wie Jesus alles los, was uns fesselt: unsere Lebensmuster des Perfektionismus, der uns das Leben schwer macht. Wir lassen das Gefühl los, dass wir nicht gut genug sind. Wir trauen uns, ins Leben hinein aufzustehen und das Leben zu wagen.

So wünsche ich Ihnen gesegnete Kartage und ein Osterfest, dass Sie neu aufstehen lässt in die Fülle des Lebens hinein.

Ihr

P. Anselm Grün

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