Corona-Lockdown: Gastkommentar von Dr. Christian Jasperneite

Erster

 

Kölner

Wirtschaftskommentar

– Gastkommentar –

von Dr. Christian Jasperneite

Chief Investment Officer

Privatbank M.M. Warburg & CO

Liebe Leserinnen und Leser,

in den letzten Wochen wurde vereinzelt die Vermutung geäußert, dass Regierungen in der aktuellen Corona-Krise über das Ziel hinausschießen und aus epidemiologischer Sicht kein Grund bestünde, derart heftige Eingriffe in das gesellschaftliche Leben vorzunehmen. Auch der Beitrag von Prof. Homburg geht in diese Richtung. Wir halten diese Argumentation für falsch.

Ein kleines Gedankenexperiment mag erklären, warum das so ist: In New York sind jetzt 0,16% der Menschen an COVID-19 gestorben. Epidemiologisch erscheint es nahezu ausgeschlossen, dass in New York jetzt schon mehr als 25% der Bevölkerung mit dem Virus infiziert sind. Damit liegt die Mortalitätsrate bei dieser Krankheit in einem durchschnittlich leistungsfähigen Gesundheitssystem bei mindestens 0,65%, vermutlich aber noch ein wenig höher. Bedenkt man zudem, dass kein Impfstoff und keine Grundimmunität vorliegen, ist die Dramatik dieser Pandemie in etwa mit der Spanischen Grippe von 1918-1920 zu vergleichen.

Dass die staatlichen Eingriffe im Rahmen der Shutdowns in vielen Ländern zu extremen volkswirtschaftlichen Kosten führen und so schnell wie möglich in ihrer Eingriffsintensität reduziert werden müssen, steht außer Frage. Daher ist es auch gut, wenn verschiedene Länder unterschiedliche Wege gegen, um voneinander lernen zu können. Schweden aber – wie in den Medien oft angedeutet – als ein Land anzuführen, dass weitgehend auf rigide Maßnahmen verzichtet, führt in die Irre. Denn auch wenn Schweden offiziell auf viele Verbote verzichtet, hat es doch viele Gebote ausgesprochen, an die sich die Bevölkerung weitgehend hält. Dementsprechend wird auch in Schweden das „social distancing“ sehr gewissenhaft praktiziert. Trotzdem ist Schweden definitiv kein besonders hervorstechendes Beispiel für ein gelungenes epidemiologisches Management dieser Krise. Während beispielsweise in Deutschland die Wachstumsdynamik der Infektionen seit Anfang April dramatisch nachlässt, ist das in Schweden kaum zu erkennen.  

Das wiederum zeigt sich in einem signifikanten Unterschied im Wachstum der Todesfälle in Schweden und in Deutschland.

Im Ergebnis liegt auch der Anteil der COVID-19-bedingten Todesfälle relativ zur Bevölkerungsgröße in Schweden dramatisch über dem deutschen Wert und steigt nach wie vor dynamisch an.

Eine Alternative, die darin bestünde, die Pandemie einfach „laufen zu lassen“, besteht definitiv nicht. Bei einer Basisreproduktionszahl von mindestens 2,4 sowie einer Notwendigkeit, mindestens 1,5% der Infizierten intensivmedizinisch zu behandeln, wäre ein Zusammenbruch des Weltgesundheitssystems vorprogrammiert, mit allen erdenklichen Folgen auch für Patienten, die unter anderen Krankheiten leiden. Damit war ein Shutdown unabwendbar, um wieder Kontrolle über die Situation zu erlangen. Jetzt gilt es nach Mitteln und Wegen zu suchen, durch intelligentes staatliches Handeln weitere volkswirtschaftliche Folgekosten zu minimieren.

Mit hanseatischem Gruß

Ihr

Christian Jasperneite

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