Aktuelle Informationen zur Coronakrise für Unternehmen

Liebe Leserinnen und Leser,

wir möchten mit diesem Kölner Wirtschaftskommentar die aktuelle Situation beschreiben, aber auch verschiedene Maßnahmen zur wirtschaftlichen Unterstützung vorstellen, die in Bund und Land beschlossen wurden. Wir bieten Ihnen eine schnelle Übersicht – natürlich kommentiert.

Unsere Beurteilung der Lage

In allen Bundesländern gelten weitreichende Ausgangsbeschränkungen. Sie weichen lediglich minimal voneinander ab, werden aber je eigen genannt, einmal „Kontaktsperre“, einmal „Ausgangsbeschränkung“ etc. Diese Feinheiten sind der politischen Profilierung der Akteure geschuldet. In der Sache sind sie unerheblich. Wichtig ist, dass jetzt persönliche Kontakte – endlich – spürbar reduziert werden.

Und dies gilt nicht nur für Europa: Auch Freunde in den USA berichten, dass Friseure, Restaurants, Cafés und Non-Foot-Geschäfte geschlossen seien. Auch von anderen Maßnahmen wird berichtet: Der Cash&Carry Markt Costco führte exklusive Einkaufszeiten für ältere Personen in den frühen Morgenstunden ein, damit diese Risikogruppe nicht mit anderen Personen in Kontakt tritt.

Wirtschaftlich gesehen ist die weltweite Situation klar: Sie ist desaströs. Die Verschuldung steigt und das Wachstum sinkt. In Hinblick auf unser Finanzsystem besteht ein systemgefährdendes Risiko. Wir haben die Rücklagenverpflichtungen der Kreditinstitute nach der Finanzkrise erhöht. Es bleibt abzuwarten, in welchem Verhältnis diese erhöhten Rücklagen zu den neuen Belastungen stehen. Risiko steigt. Deutschland steht wirtschaftlich unter Druck. Europäische Banken wackeln.

Die Situation in den aufsteigenden Ländern der Welt ist bedrückend. Deren Erfolge der vergangenen Jahre drohen wegzubrechen.  

Wie lange wird die jetzige Situation anhalten? Wir wissen es nicht. Widersprechende Signale sind erkennbar. Der International Monetary Fund (IMF) berichtet von “signs of economic normalization in China—most larger firms have reported reopening their doors and many local employees are back at their jobs”. Zugleich warnt der IMF davor, dass selbst bei einem ausbleibenden Neuanstieg der Infektionsraten – der aber zu erwarten ist – aufgrund des weltweiten Nachfragerückgangs die chinesische Regierung erhebliche Unterstützungsmaßnahmen für die Wirtschaft leisten müsse.

Schauen wir auf die Börse. Trotz DAX Anstieg gestern und Seitwärtsbewegung heute bleiben die Reaktionen irritierend. Oft wird davon gesprochen, dass an der Börse eine große Wertvernichtung stattfindet. Dies ist mitnichten der Fall. Zu Beginn einer Krise sinken die Kurse, was bedeutet, dass Gewinne mitgenommen und damit auch Verluste realisiert werden von denjenigen, die verkaufen. Diejenigen, die Papiere halten, realisieren zunächst keinen Verlust. Im Verhalten der Akteure werden die Erwartungen auf zukünftige Gewinne neu gesetzt. Bewertungen, die teilweise unterhalb der Buchwerte einzelner Unternehmen stehen (für alle DAX-Unternehmen wird dieser bei 8.100 Einheiten geschätzt), sind unrealistisch und werden sicherlich spätestens nach der Krise schnell korrigiert. Somit besteht nicht unbedingt politischer Handlungsbedarf. Das wirkliche Problem, welches aktuell besteht, ist ein vorübergehendes Ramschniveau für verschiedene Papiere und somit die Gefahr von kritischen Übernahmen. Dies hat der Wirtschaftsminister im Blick. Er drohte sogar bereits mit entsprechendem staatlichen Eingriff in Form von „Verstaatlichungen“.

Wie soll es weitergehen? Mögliche Exit-Strategien werden diskutiert. Lange können wir diesen Shutdown nicht durchhalten. Weder menschlich noch wirtschaftlich. So diskutiert man Option wie z.B. das „Cocooning“, die gezielte Abschirmung der Risikogruppen bei gleichzeitiger Durchseuchung der anderen. Mir stellt sich immer mehr die Frage, wie man die Risikogruppe praktisch abschirmen möchte in der Zeit der dann stark ansteigenden Infektionen in der Gesellschaft. Ich halte dies eher für ein theoretisches Gedankenspiel denn für eine praktische Empfehlung. 

Auch setzen einige Autoren zur Zeit den Utilitarismus über den Humanismus. In Texas rief der dortige Vize-Gouverneur Dan Patrick Großeltern dazu auf, für das Wohl ihrer Enkel den eigenen Tod in Kauf zu nehmen. Wir brauchen darüber nicht lange diskutieren: Der Utilitarismus ist für eine Partei, die das „C“ im Namen führt und es auch ernst damit meint, keine Option.

Die entscheidende Frage ist, wie wir die Wirtschaft wieder schnell ans Laufen bringen. Lange halten wir die jetzige Situation nicht aus. Wir müssen über die Post-Shutdown-Phase sprechen.

Wir erwarten bei Lockerungen der Maßnahmen einen wellenförmigen Verlauf dieser Infektion über 12 Monate. Dabei wäre erstrebenswert, wenn die jeweiligen Spitzen unterhalb einer möglichen Auslastungsgrenze der Intensivstationen blieben, wobei unterstellt werden sollte, dass diese Auslastungskapazität stets steigt.

Die kursierenden Zahlen zur Anzahl der Infizierten, zur Sterblichkeit etc. sind inkonsistent und für eine politische Bewertung absolut ungeeignet. Wir haben in den letzten Tagen auch lernen müssen, dass dem Robert-Koch-Institut für das Wochenende verzögert Daten mitgeteilt werden, da einige Gesundheitsämter am Wochenende keine Daten liefern. Ist das Dilettantismus? Humor ist besonders in Krisenzeiten, wenn man trotzdem lacht. Auch kennen wir mittlerweile die empirischen Unterschiede zwischen den Messungen des Robert-Koch-Instituts und der John-Hopkins-Universität. Wir wissen ebenso alle, dass die Zahl der Neuinfizierten abhängig ist von der Anzahl der Tests und die gemutmaßte Dunkelziffer signifikant zu sein scheint. Auch gibt es Verzögerungen von ca. 2 Tagen zur realen Situation. Die gelieferten Daten sind höchst unsicher und länderübergreifend nicht vergleichbar. Mit Scheinsicherheiten managt man aber keine Krise.

Für Köln sollten wir eine Kennzahl veröffentlichen, nämlich die Anzahl der Intensivplätze mit Beatmungsmöglichkeit. Den ganzen Shutdown erleiden wir nur deshalb, weil wir diese Anzahl verbessern wollen. Und das Gute an dieser Kennzahl ist, dass diese zweifelsfrei messbar ist. Wann können wir einen Massenanfall von Schwerkranken so Händeln, dass keine Überlastung des Gesundheitssystems erfolgt?

Die beschlossenen Maßnahmen

Die nun beschlossenen Maßnahmen von Bund und Land sind beispiellos. Leser des Kölner Wirtschaftskommentars lassen sich aber nicht durch die Nennung von gigantischen Gesamtsummen beeindrucken, sondern fragen, welche konkreten Maßnahmen stehen dahinter? Wir geben einen praktischen Überblick ohne Gewähr:

Das Land NRW hat ein kreditfinanziertes 25 Mrd. EUR „Sondervermögen zur Finanzierung aller direkten und indirekten Folgen der Bewältigung der Corona-Krise“, welches tranchenweise eingestellt wird, beschlossen. Die Tilgung ist über 50 Jahre geplant.

Der Bund rechnet für 2020 mit Ausgaben von 484,5 Milliarden Euro zu ca. 32% durch Neuschulden finanziert.

Soforthilfen mit Antragsformular (soll am 27.3. freigeschaltet sein):

https://www.wirtschaft.nrw/nrw-soforthilfe-2020

Infos der IHK für Kölner Unternehmen:

www.ihk-koeln.de/coronavirus

Infos speziell für Einzelhändler und Gastronomen:

https://www.ihk-koeln.de/Zehn_Tipps_fuer_Einzelhaendler_und_Gastronomen_in_Zeiten_von_Corona.AxCMS

Infos der Handwerkskammer zu Köln für das Kölner Handwerk:

https://www.hwk-koeln.de/artikel/corona-krise-infos-fuer-betriebe-32,0,2065.html

Eine sehr gute Übersicht der Bundes-MIT zu verschiedenen Angeboten:

https://www.mit-bund.de/corona?utm_source=Newsletter&utm_medium=email&utm_content=https%3A%2F%2Fwww.mit-bund.de%2Fcorona&utm_campaign=email-campaign

Infos zur Verschiebung der Fälligkeit von Sozialversicherungsbeiträgen:

https://www.mit-bund.de/sites/mit/files/dokumente/gkv-mitteilung_aussetzung_sozialausgaben.pdf

Infos zum Kurzarbeitergeld: 

https://www.arbeitsagentur.de/datei/kug-corona-virus-infos-fuer-unternehmen_ba146368.pdf

Eckpunkte zur Corona-Soforthilfe für Kleinstunternehmen und Soloselbständige http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/19/181/1918105.pdf

Einen Fallrechner für die Umsatzgrenzen zur Beantragung des Zuschusses finden Sie unter: Excel-Rechner

Unsere politischen Forderungen und Empfehlungen zu den Maßnahmen

Die beschlossenen Maßnahmen sind ein klares und gutes Zeichen dafür, dass Unternehmen des Mittelstands systemrelevant sind.

Aber auch in der Krise kann man Steuergelder nicht am Fenster herauswerfen. Für Ökonomen ist das Free-Rider Behavior (Trittbrettfahrerverhalten) eines der größten Herausforderungen in Anreizsystemen. Die aktuell beschlossene Schuldenaufnahme ist für Deutschland langfristig wirtschaftlich fatal, aber leider kurzfristig unausweichlich, um die Struktur der Wirtschaft und damit einen starken Mittelstand zu erhalten. Die Schuldenaufnahme wird uns aber im Wohlstand zurückwerfen.

Zwei Punkte möchte ich anmerken:

  1. Die Unterstützung zum Beispiel anhand eines Umsatzvergleiches zwischen Vorjahr und dem aktuellen Monat zeigt deutlich, dass an Unternehmensgründer und Unternehmen der sog. New Economy nicht primär gedacht worden ist. Viele von ihnen haben anfangs noch nicht einmal eine kreditgebende Hausbank zur Vermittlung von KfW-Programmen. Es ist grundsätzlich gut, trotz aller Not Auszahlungsprüfungen einzuführen, sie sollten aber gruppen(sektoral-)spezifisch sein und nicht zu pauschal. Auch die Mitarbeiterzahl ist mehr eine Kennzahl der sog. Old Economy. Die nachträgliche Plausibilitätsprüfung der Leistungen durch die Finanzämter müsste obligatorisch sein. Lieber mehr Auszahlungen und nachgelagert prüfen als dringende Hilfen aufgrund enger Kriterien zurückzuhalten.
  2. Unbürokratische und schnelle Hilfen widersprechen nicht einer genauen Prüfung der Hilfsbedürftigkeit. Auch wenn diese nicht sofort stattfinden muss, so ist eine nachgelagerte Bedürftigkeitsprüfung zu fordern. Beispielsweise erhält mit dem gestrigen Bundestagsbeschluss jeder, der es beantragt, Leistungen aus Hartz IV ohne eine Bedürftigkeitsprüfung. Man kann Auszahlungsbedingungen formulieren und erst einmal jedem die Zahlung gewähren. Eine Rückforderungspflicht muss aber berücksichtigt sein, damit in der Post-Shutdown-Phase eine ordnungsgemäße Prüfung nachgelagert stattfinden kann. Dies hält Personen, die offensichtlich nicht bedürftig sind, direkt davon ab, Transferleistungen zu beantragen, da sie das Rückzahlungsrisiko einpreisen müssen. Mitnahmeeffekte werden unsere Situation maßgeblich verschlechtern.

Trotzdem: Es ist gut, dass die Maßnahmen grundsätzlich gewährt werden, sobald ein Finanzierungsengpass vorhanden ist. Diese niedrige Schwelle der Soforthilfe ist m. E. einmalig. Bund und besonders auch das Land NRW zeigen deutlich, dass sie zum Mittelstand stehen. Sie berücksichtigen mittlere, kleine und Kleinstunternehmen.

Worauf müssen wir achten? In manchen EU-Mitgliedstaaten gibt es inzwischen schon einen „gefährlichen ‚nationalistischen Lagerkoller‘, so etwa in der Tschechischen Republik, wo ein beamteter stellvertretender Gesundheitsminister vom Abriegeln der Grenze für zwei Jahre spricht, ohne zurückgepfiffen zu werden“, wir der Europa-Kenner Bernd Posselt berichtet. Der ständige Ruf nach dem starken Staat ist eine Gefahr und wir müssen darauf achten, dass die jetzt umgesetzten Maßnahmen umgehend nach der Krise zurückgesetzt und dem demokratischen Diskurs zugeführt werden.

Wir sollten bei allen Problemen, die wir haben, die europäische Solidarität nicht vergessen. Nationale Abschottungen sind keine Lösung. So mögen sie aktuell die Pandemie eindämmen, was richtig ist, aber Hilfstransporte innereuropäisch zu untersagen, war und ist falsch. Die EU-Kommission hat diese verbreitete Tendenz zu recht kritisiert. Langsam wird dies allgemein bewusst. Beispielsweise übernimmt das Land NRW, welches von einem Ministerpräsidenten mit europäischer Agenda geführt wird, Schwerkranke aus Norditalien. Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und das Saarland öffnen Intensivkapazitäten für Schwerstkranke aus der Region Grand-Est. Die Paneuropa-Union NRW, der ich vorstehen darf, setzt ein europäisches Signal und unterstützt ein Krankenhaus im Veneto – zumindest finanziell.

Nach der Krise muss klar sein, dass wir Herausforderungen solcher Art in Europa nur gemeinsam gut lösen können. Wir erwarten noch weitere Probleme mit Zoonosen, d. h. von Tieren auf Menschen übertragenden Viren. Seien wir in Europa gerüstet.

Bleiben Sie gesund und liquide!

Mit kölschem Gruß

Ihr

 

 

Karl Alexander Mandl
Vorsitzender MIT Köln

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.